Warum ich die Ringsiedlung mag.

Eigentlich mag ich nicht nur die Ringsiedlung. Da gibt es tatsächlich noch eine ganze Menge mehr zu entdecken. Den Jungfernheidepark zum Beispiel. Oder die Werkssiedlung von Hans Hertlein. Dem Haus- und Hof-Architekt der Firma Siemens. Die kühlen Industriegebäude hat er geplant, wie den Schaltwerk-Hochbau von 1928, mit dem er Architekturgeschichte schrieb, den die Fachwelt zum „Symbol der Moderne“ kürte. Aber eben auch die in krassem Kontrast dazu stehen die Wohnungsbauten, wie die Siedlung Heimat (1930 bis 1935) und die Siedlung Siemensstadt (1922 bis 1932) sowie praktisch alle hier von der Firma Siemens initiierten Sozialeinrichtungen. Sie folgen durchweg in dem herkömmlichen, dem traditionellen Bauen, dem so genannten „Deutschen Baustil“ oder auch „Heimatstil“. Da spaziert man von Reihenhäuschen mit Vorgärten in der Rapsstraße bis zu Wohnzeilen westlich des Jungfernheidewegs (der Spandauer Seite der Siemensstadt).

Dann folgt der Teil der Siemensstadt, der seit Jahren das Publikum anzieht, besonders seit 2019, als das Bauhaus 100 wurde, vervielfachte sich der Andrang der Besucher. Die Rede ist natürlich von der Ringsiedlung. Die Mitglieder der Architektenvereinigung Der Ring erhielten von Baustadtrat Martin Wagner den Auftrag, hier eine moderne Wohnanlage zu entwerfen. Ich starte am „Eingang“ der Ringsiedlung, es geht los zwischen den Bauten von Hans Scharoun: dem Panzerkreuzer auf der linken Seite und der Zeile rechts, in der er tatsächlich auch selbst eine Weile gelebt hat.

 Panzerkreuzer? höre ich Sie fragen. Schauen Sie genau hin: Wirkt es nicht wie ein Schiff mit den Bullaugen und den kleinen halbrund verkleideten Balkonen. Dem Oberdeck, auf dem sich, für uns kaum einsehbar, die Dachterrasse verbirgt. Ein Schiff, das durch den Ozean steuert. Für uns klingt Panzerkreuzer befremdlich, wir denken heute eher an ein Kreuzfahrtschiff, wenn wir dieses Gebäude betrachten. Aber damals lagen Kreuzfahrten für meisten Menschen jenseits ihrer Vorstellung, mit einem Panzerkreuzer verbanden sie aber sehr viel. Der erste Weltkrieg war noch nicht allzu lange her und in fast allen Familien gab es Tote zu beklagen. Unzählige junge Männer hatten auf den Weltmeeren ein nasses Grab gefunden. Panzerkreuzer passte viel eher in die Vorstellung als ein Kreuzfahrtdampfer.

Ein paar Schritte weiter und wir ahnen, warum Scharoun die Balkons nach Norden so geschützt eingebaut hat: es verläuft über uns die Trasse der Siemensbahn. Die wurde gebaut (1927-1929) weil Siemens Schwierigkeiten hatte, in diese abgelegene Gegend Arbeitskräfte zu ziehen. Der Lohn war überdurchschnittlich gut, die Arbeitszeit kürzer als bei anderen Fabriken, die Sozialleistungen für die damalige Zeit hervorragend… aber den Weg wollte niemand gerne machen. Viele der rund 3500 Arbeiter fanden ihn beschwerlich. Die Wege waren schlecht, die neueröffnete Ringbahn mit ihren Stationen Westend und Jungfernheideweg weit entfernt, zum Teil musste man mit einer Fähre übersetzen. Einfacher war es für die Spandauer: Vom Lindenufer hatte Siemens einen Schiffszubringer initiiert. Dennoch ein unhaltbarer Zustand, wer ist schon gerne Stunden unterwegs, um die Arbeitsstätte zu erreichen? Neben der S-Bahn betrieb Siemens noch eine Güterbahn (schließlich mussten Rohstoffe und Produkte an- und ausgeliefert werden) und eine Straßenbahn nach Spandau. Nach und nach wurden die Straßen befestigt (die Endungen -damm, -weg und -steig deuten auf eher unwegsames und sumpfiges Gelände hin) und die Siemensstadt prosperierte.

Jetzt sind wir drunter durch unter dem Bahndamm. Das Postgebäude auf der linken Seite gehört zur Siedlung Heimat, die eigentlich so richtig erst hinter dem Torbogen beginnt. Da erblicken wir auch gleich die katholische Kirche St. Joseph, die ebenso wie die evangelische Christopheruskirche von Hans Hertlein entworfen wurde. Uns kümmern aber mehr die strahlend weißen Bauten von Walter Gropius. Der hat hier gegen seine längst gefasste Überzeugung niedrige Zeilenbauten (übrigens auch mit Dachterrassen) errichtet. Gropius glaubte nicht mehr an die Zukunft solcher Siedlungen; er war überzeugt, die Zukunft des Wohnungsbaus läge in Hochhäusern. Die Gropiusstadt musste aber noch etwas warten: die wurde erst zwischen 1962 und 1975 gebaut. Dennoch, wenn wir von Bauhausarchitektur reden, dann ist der Name Gropius nicht weit: als Gründungsmitglied und Direktor hat er den Baustil maßgeblich geprägt. Unumstritten ist er nicht; manches Mal bestimmten nicht Bedürfnisse der Bewohner seine Grundrisse, sondern der Schienenverlauf der Kräne. Gropius legte mit seiner Idee vom Baukasten im Großen die Grundlage für die Plattenbauten in den Satellitenstädten dieser Erde. Einerseits ermöglichte die industrielle Massenfertigung die Bereitstellung von dringend benötigtem Wohnraum, andererseits anonymisierte sie das Wohnen und schuf neue soziale Probleme.

Wenden wir uns nach Westen, hier bestimmen die ocker- oder lederfarbenen Zeilenbauten von Hugo Häring das Bild. Ob sie schöner sind? Das muss jeder für sich entscheiden. Auf jeden Fall sind sie anders. Zwischen den weißen Baukörpern Gropius‘ und Bartnings (der kommt gleich noch ausführlicher dran) fallen die plastisch bewegten Bauten Härings auf. Die Farbe, der organische Schwung der Balkone: als spezifisch deutsch empfand er seinen Stil. Und ja: die meisten Besucher finden tatsächlich, dass Härings Zeilen die schönsten der Ringsiedlung sind. Stellen Sie sich zwischen zwei Häring-Zeilen. An der Westfassade die Balkone: wer abends von der Arbeit kommt, kann noch ein wenig die Sonne genießen. Eine Liege, ein Tisch und drei Stühle sollen auf den Balkon passen, sagt zumindest der Architekt. Ich vermute allerdings, dass es dann recht eng wird.

Hier in der Siedlung musste Häring seine Ursprungspläne stark und auch innerhalb kürzester Zeit korrigieren: Die einzelnen Zeilen mussten verlängert werden, die geplanten Dachterrassen mussten als Trockenboden mit Waschzellen weichen. Diese Waschzellen sollten eigentlich im Keller eingebaut werden. Zwischen den Zeilen sollte, an der Goebelstraße entlang, ein eingeschossiges Ladenband Einkaufsmöglichkeiten schaffen. Auch darauf hat man verzichtet. Ein Grund, warum es von Beginn an zu wenige Einkaufsmöglichkeiten gab.

Läden waren sehr wichtig, insbesondere Lebensmittelgeschäfte. Kühlschränke gehörten nämlich längst nicht zur Grundausstattung einer Wohnung und auch für Vorratshaltung gab es kaum Platz. So musste fast täglich eingekauft werden. Immerhin weist die Siedlung insgesamt 1370 Wohnungen auf, 90% sind 2 ½ Zimmerwohnungen. Die durchschnittliche Wohnungsgröße beträgt ca. 57 m². Die vier größten Wohnungen der Siedlung mit 72 m² hat Paul Rudolf Henning gebaut. Ach der kommt noch dran, keine Angst. Ja, man lebte beengt in der Ringsiedlung, knapp 60 m² für vier bis fünf Personen, das mag sich heute kaum jemand vorstellen. So nimmt es nicht wunder, dass heute deutlich weniger Kinder zu sehen und zu hören sind als vor 100 Jahren. Es ist übrigens keine Werksiedlung, der Siemensarbeiter hätte sich eine solche Wohnung kaum leisten können. Hierher zogen Beamte, wie man damals allgemein die Angestellten nannte, die ihre Arbeit nicht im Blaumann, sondern im Zwirn verrichteten. Lehrer wohnten hier und städtische Beamte, also schon eher gut situierte Menschen.

Weiter gehts in einem zweiten Teil – bleiben Sie gespannt und freuen Sie sich darauf.

Das sagt Birgit-A Ohström über unsere Stadt & Ihre Führung:

Birgit sagt

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