Ich habe der Stalinallee Abbitte zu leisten.

Auf meinen Bustouren der frühen Jahre, bei denen ich nur durch sie durchgefahren bin, um zur East-Side Gallery zu kommen, habe ich ausschließlich von Zuckerbäckerstil, Müllschlucker („immerhin: frühe 50er Jahre, geht doch“) und allenfalls dem 17. Juni 1953 geredet. Noch kurz eine Bemerkung zum Computerspielemuseum, dann bogen wir rechts ab und waren auch schon durch.

Es lohnt sich aber, sich ihr anzunähern. Sie hat es verdient.

Nicht nur, was ihre Geschichte betrifft.

Auch ihr was ihr Antlitz anbelangt.

Dieser altertümliche Begriff ist nicht zu hoch gegriffen. Er passt zu ihr.

Diese Straße fordert einem Respekt ab, ob man sie mag oder nicht.

Handelsweg nach Frankfurt an der Oder schon im 13. Jahrhundert, Frankfurter Chaussee.

Am heutigen Strausberger Platz fand 1540 Hans Kohlhase sein unrühmliches Ende. Dort vollstreckte das Berlinische Hochgericht Todesurteile. Gerädert wurde der Arme. Kleist hat ihm ein Denkmal gesetzt in seinem „MIchael Kohlhaas“.

Nach seiner Krönung zum König in Preußen zog Friedrich I aus Königsberg kommend hier ein. Anno 1701.

Später ebenso Napoleon und auch die Rote Armee.

Am Frankfurter Tor fanden 1848 Kämpfe statt. Die Revolution scheiterte und blieb doch nicht folgenlos. Und ein gewisser Horst Wessel kam hier 1930 im Kampf gegen Rotfront irgendwo zu Tode. Der ganze Bezirk wurde nach 1933 mit dessen Namen bestraft.

Im Februar 1945 fast vollständig von Bomben zerstört.

Schon Mitte 1945 fing man an, den Wiederaufbau der Stadt zu planen.

Und hier setzt unsere Tour an.

Wir treffen uns am U-Bahnhof Schillingstraße vis à vis vom ehemaligen Café Moskau. Mitten in der sogen.

Ost-Moderne, also den Bauten, die nach 1959 errichtet worden sind und als typisch für die DDR –

Wohnhausarchitektur angesehen werden. „Typ QP“ : Querplattenbau. Chruschtschow hatte ein Machtwort gesprochen gegen den „Zuckerbäckerstil“ Stalinscher Provenienz.

Ein kurzer Blick nach Westen Richtung Alexanderplatz, Haus des Lehrers.

Ist auch vieles darüber zu sagen, aber unsere Zielrichtung ist heute Osten.

Aber natürlich ein Blick ringsum, wo wir geradestehen. Kino International, dahinter Rathaus Mitte an Stelle des früheren Hotels „Berolina“. Pavillons die die Allee hier fast zu einem Platz vergrößern. Früher Edel Geschäfte. Die Schillingstraße war früher eine Versorgungsachse für diesen Teil der Stalinallee mit Geschäften, Kitas etc. Läuft direkt auf das Kino zu. Beeindruckender Blick.

Café Moskau heute eine „Kongress-Location“. Kann man mieten. Sputnik auf dem Dach. Fassaden-Mosaik „Aus dem Leben der Völker der SU“. Gar nicht heroisch. Zurückhaltend, fast dezent.

Fassade der Zuckerbäckerarchitektur
Ein Blick von oben 🙂

Blick in Richtung Strausberger Platz. Da liegt sie nun vor uns: Die erste sozialistische Straße Deutschlands. 6 Architektenkollektive haben diesen Boulevard geschaffen. Scharoun nicht mitgezählt, doch dazu später.

Block A, Strausberger Platz Architekt: Hermann Henselmann

Von Westen kommend sehen wir zwei imposante Türme als Tor zur Stalinallee, die in der 2. Bauphase (1951-1958) von hier bis zur Proskauer Straße errichtet wurde.

Im Süden „Haus des Kindes“ (1954) mit Kinderkaufhaus und Wohnungen. Kindercafé, Puppentheater,

Galerie, Märchenfiguren an der Rolltreppe, „Zutritt für Erwachsene nur in Begleitung von Kindern“.

Im Norden „Haus Berlin“ mit Wohnungen und Gaststätten. An den Fassaden die für die ganze Allee

typische Kachelung sowie jeweils ein Text von Brecht und Goethe.

Platzrandbebauung mit Siebengeschossern, Arkaden um den Platz herum.

Block B, Strausberger Platz bis Alexanderstr/ Lebuser Str Architekt: Egon Hartmann

Jeder Block umfasste Nord-und Südseite der Allee. Hartmanns Bauten recht schmucklos im Vergleich

zu denen der anderen Architekten. Hatten jedoch die Grundstruktur aller Bauten: Sockel,-

Mittel, Dachgeschoßzone, Durchgänge ins „Hinterland“, das später leider im Wesentlichen mit

Plattenbauten-Öde gestaltet wurde. Integrierter U-Bahn-Eingang zum Bahnhof Strausberger Platz.

70er Jahre Plattenbauten Stalinallee von Lebuser Straße bis Koppenstraße

Nord: Ehemalig Standort „Deutsche Sporthalle“ Architekt: Richard Paulick

1951 in 148 Tagen für die „linken“ III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten gebaut.

Platz für 4000 Zuschauer. Nach Festspielen Mehrzweckhalle. Wegen Einsturzgefahr aufgrund

Materialmängeln 1971 abgerissen.

Weltfestspiele: 26.000 Teilnehmer. War Westberlin Dorn im Auge. Einladung der Besucher zum Besuch im Westteil. Massen kamen und wurden versorgt. Vor allem mit Essen. Aber es gab auch Kultur. Die FDJ veranstaltete einen Propagandamarsch mit 10.000 Demonstranten. Das Ganze endete in den ersten Straßenschlachten Westberlins.

Süd: Ehem. Stalindenkmal, Künstler Nikolai Tomski, SU

Am 8.8.1951 enthüllt. Stalin starb eineinhalb Jahre später.

1961 nach dem Mauerbau fiel Stalin in Moskau posthum in Ungnade.

Das Denkmal verschwand über Nacht und die Stalinalle wurde Karl-Marx-Allee, bzw. wieder Frankfurter Allee.

Wolf Bierman kommentierte das in einem Lied so: „Es hat nach dem großen Parteitag / Manch einer ins Hemde geschissen / Und hat bei Nacht und Nebel / Ein Denkmal abgerissen.“

Blöcke C – G

Es folgen jetzt die Blöcke C bis G, die nach einheitlichen Grundsätzen gestaltet sind. Sie sind in ihrer

jeweiligen Individualität jedoch bei genauerem Hinsehen unverwechselbar.

Wir werden sie uns genauer anschauen, flanierend sozusagen, denn sie bergen eine ungeheure

Formenvielfalt.

Zuvor jedoch zum Verständnis ein wenig Bau- und Architekturgeschichte dieser Allee.

Alles begann zwischen den Blöcken D und E nicht weit vom Hochhaus an der Weberwiese.

Dort – verschämt hinter hohen Pappeln – findet man einen Block mit sogen. Laubengängen. Einen weiteren zwischen den Blöcken E und F.

Hans Scharoun, damals noch gesamtberliner Baustadtrat, hatte seinen „Kollektivplan“ zur Neugestaltung der Stadt nach modernsten Kriterien, anknüpfend an das „Neue Bauen“ der Weimarer Republik angefangen umzusetzen. Zusammen mit Ludmilla Herzenstein, einer ehemaligen Mitarbeiterin von Bruno Taut.

Großräumige Stadtlandschaften, viel Grün keine Steinwüsten mehr. So wurde dann auch 1949 gebaut. Das wurde 1950 gestoppt von Walter Ulbricht, der auf sowjetisches Geheiß eine Baukunst „im Sinne des Volksempfindens“ reklamierte. Er wollte keine Häuser wie „in Südafrika“. Keine „Eierkistenarchitektur“. Architekten und Planer wurden noch im selben Jahr nach Moskau geschickt, um dort den stalinistischen Baustil beigebracht zu bekommen.

Es folgten die „16 Grundsätze des Städtebaus“: Der Stil hatte dem Inhalt nach „sozialistisch“ und der

Form nach „national“ zu sein. Eine in Deutschland durchaus pikante Kombination von Begriffen. Aber

gemeint war: Sowjetischer Zuckerbäckerstil gepaart mit deutschem Kolorit – man nahm für Letzteres

Schinkels Klassizismus.

Mit seinem Entwurf des Hochhauses an der Weberwiese machte Hermann Henselmann Furore. Der Baustil für die „Arbeiterpaläste“ der Stalinallee war 1951 gefunden. Henselmann avancierte schnell zum Star.

Der städtische Raum konnte endlich „sozialistisch geprägt werden“. Die Stalinallee wurde zum Modell der „sozialistischen Straße“. Die „kapitalistischen“ Laubenganghäuser hatten darin nichts zu suchen.

Deren Abriss war angesichts des eklatanten Wohnungsmangels nicht opportun. So pflanzte man vor den politisch inkorrekten Häusern Pappeln. Weil die am schnellsten wachsen.

Auf der einen Seite sollten der Glanz und der Reichtum des Sozialismus demonstriert werden. Besonders gegenüber dem Westen.

Andererseits herrschte in der DDR eine ganz andere Vorstellung vom öffentlichen Raum, als im Westen.

Der öffentliche Raum diente als Ort staatlicher Repräsentation, sozialer Gemeinschaftsbildung und

wechselseitiger Kontrolle. Nicht, wie im Westen, wo er ein multipler Handlungsraum ist, angelegt auf

Heterogenität.

Während im Westen „von innen nach außen“ gebaut wurde – also zumindest der Idee nach entsprechend den Bedürfnissen der Bewohner, war den sozialistischen Städtebauern das Wohnen zwar nicht unwichtig, aber Plätze und Straßen waren zumindest genauso wichtig. Wo die politischen Demonstrationen,

Aufmärsche und Volksfeiern stattfinden. Mit i.d.R. einheitlicher Bewegungsrichtung der Bürger, zwischen geordneten Fluchtlinien, symmetrischer Bebauung und einheitlichen Geschoss- und Traufhöhen.

Dem hatten sich auch die Fassaden der Häuser anzupassen. Sie wurden auf Nahsicht angelegt. Die alle Fassaden bedeckenden Kacheln der Stalinallee mit ihrer Vielfalt an Ornamenten sind nur vom Fußgänger mit seinem Tempo zu erkennen. Nicht aus einem fahrenden Auto.

Die von Schinkel adaptierten Fenster sind „stehende Fenster“, die das Aufwärtsstrebende, Optimistische Humanistische beinhalten, so Kurt Liebknecht, Direktor des DDR-Instituts für Städtebau.

Und Henselmann ergänzte: „Unsere Gebäude werden nicht nur genutzt von Bewohnern, sondern auch von denen, die vorübergehen.“

Die Allee weist eine Vielzahl an Fassadenformen und insbes. Reliefs auf. Ganz bewußt, um sich von der schlichten, als kalt empfundenen Welt des „Neuen Bauens“ abzusetzen.

Neben einer großen Zahl von Risaliten, Balkonen Pilastern etc. mit unterschiedlichsten Gestaltungsformen stellen die mit Reliefs versehenen Kacheln das entscheidende Charakteristikum der gesamten Straße dar.

Meißner Kacheln. Allerdings kamen die nicht aus der Staatlichen Porzellanmanufaktur, sondern aus dem VEB Plattenwerk Max Dietel in… Meißen.

Allein 369 verschiedene keramische Formteile sind dort produziert worden! Wir werden die

unterschiedlichsten Reliefs betrachten können: Eher abstrakte, aber auch bildliche Darstellungen

handwerklicher Arbeit bis hin zu Texten. Hinzu kommt eine Fülle von Metallarbeiten: Schmuckgitter,

Balkone, Balustraden, Eingangstüren.

Wir werden Einrichtungen sehen wie die ehemalige Sozialistische Buchhandlung, das Café Sybille, das Kino Kosmos, den Rosengarten, die Bauten, von denen der Aufstand am 17.Juni 1953 ausging.

Und als eines der Highlights fast am Ende die von Henselmann gebauten Türme des Frankfurter Tores. Nachempfunden den Domen des Gendarmenmarktes.

Wollen Sie mehr erfahren – dann freuen wir uns auf Sie bei unserer Führung zur ehemaligen Stalinallee.

Das sagt Rainer Grahlen über unsere Stadt & seine Führung:

Was mich von Anbeginn an Berlin fasziniert hat, ist die riesige Vielfalt, mit der es mir begegnet.

Das reicht von der Stadt, die nie schläft, bis hin zur dörflichen Idylle.

Von nie ganz endendem lauten Trubel bis hin zu ruhigen Orten in der Stadt – sogar im City Bereich.

So ambivalent sich mir diese Stadt präsentiert, so ambivalent sind auch meine Empfindungen

ihr gegenüber.

Berlin geht mir manchmal tierisch auf den Geist.

Nur: Böse sein kann ich ihm nie.

Ich will jetzt nicht pathetisch werden, aber das muss wohl sowas Ähnliches wie Liebe sein.

Ich mag es, hinter Kulissen zu schauen, Geheimnisse zu lüften.

Und da bietet mir mein Beruf als Stadtführer die ideale Gelegenheit dazu.

Zu suchen, zu entdecken und dann auch die Auflösung des Geheimnisses anderen mitzuteilen.

Oder festzustellen, dass das Geheimnis sich noch verschließt und gemeinsam mit den Gästen

nur zu staunen.

Ich empfinde vor jeder meiner Führungen so eine Art Premierenfieber.

Was mögen das für Gäste sein? Wie werden wir miteinander umgehen?

Was wird sich aus mir heraus mitteilen?

Klar, es gibt immer einen Rahmen mit den Essentials. Aber was geschieht danach?

Werden wir gemeinsam lachen oder ernst sein, weil es an einem bestimmten Ort, in einer

bestimmten Situation nichts zu lachen gibt?

Was für Fragen werden die Gäste stellen?

Oder werden sie nur gelangweilt mitlaufen, weil ich sie nicht erreiche?

Wie werden wir auseinandergehen?

Premierenfieber: Ein ständiges Faszinosum, das süchtig machen kann…

Straußberger Platz

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