Vor dreißig Jahren steckte Deutschland mitten in der rasanten Entwicklung zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung: Am 9. November 1989 fiel die Mauer, am 3. Oktober 1990 wurde Deutschland wiedervereinigt – und damit auch Berlin. Zwischen beiden Terminen übte die noch bestehende DDR Demokratie und Marktwirtschaft, mal mit Lust und Erfolg, mal mit Frustration und Fehlgriffen, aber stets mit dem Bewusstsein einer Übergangsperiode. Für die einen war es eine unwirkliche Reise in die Ungewissheit, andere lockten Verheißungen, wieder andere genossen eine anarchische Zwischenzeit: Die DDR wickelte sich ab, die neue Ordnung war aber noch nicht da. Für die Westberliner waren die Zeiten ebenfalls stürmisch, denn die vergleichsweise ruhige Insel konnte die andere Hälfte (wieder) kennenlernen und erhielt ihr Umland zurück. Doch auch die Tage der Westberliner Sonderexistenz waren gezählt, Nischen und Bequemlichkeiten standen in Frage, und sowieso war ungewiss, welche Entwicklung Berlin eigentlich nehmen würde. Man bedenke: Keineswegs war klar, dass Bundesregierung und Ministerien und damit viele Botschaften nach Berlin kommen würde. Würde Berlin der Phoenix aus der Asche sein oder auf Jahrzehnte an den Folgen der Teilung laborieren?

Na? Wo befinden wir uns?! 😉
Gedenktafel

Aber nicht nur Deutschland hielt den Atem an. In wenigen Monaten vollzog sich Weltgeschichte, der Westen feierte seinen Triumph, die Sowjetunion torkelte ihrer Auflösung entgegen und man sprach vom „Ende der Geschichte“. Schließlich war nicht bloß eine Mauer eingerissen worden, sondern der Kalte Krieg ging zuende. Die Deutschen in Ost und West waren vor allem mit sich selbst beschäftigt und schauten aufs Ausland vor allem, wenn es um die Zukunft Deutschlands ging. Doch überall auf der Erde verschoben sich die Koordinaten, weil sich der jahrzehntelang prägende Ost-West-Gegensatz auflöste. Zunächst erschien ausgeschlossen, dass sich die vier Siegermächte auf eine Wiedervereinigung einlassen würden – und wenn überhaupt, zu welchen Bedingungen? Dass es doch geschah, war eine Sternstunde der Diplomatie, aber ebenso belastbarer Beziehungen und vertrauensvoller Absprachen zwischen Regierungen und Staatsmännern. Doch wie lief das ab, innerhalb so kurzer Zeit?

Revolution, Mauerfall, nationale Wende, wirtschaftlicher Zusammenbruch, freie Wahlen, Demokratisierung, Runder Tisch, Währungsunion, 2+4-Gespräche, Einigungsvertrag, internationale Diplomatie – das sind die Schlagworte dieser kurzatmigen Monate. Mein Rundgang zu den Orten des Geschehens bringt die Schicksalszeit 1989/90 noch einmal nahe, spürt dem Atemlosen dieser wenigen Monate nach, der rastlosen Geschäftigkeit der Akteure in Ämtern und Botschaften, in Parlamenten und auf den Straßen – und handelt immer wieder von der Stadt, die nach 40 Jahren Teilung, davon 28 Jahre durch die Mauer, endlich wieder zu sich selber finden konnte, so lang dieser Prozess auch dauern sollte.

Die Berliner Orte, die mit der Geschichte dieses kurzen Jahres verbunden sind, reichen vom Alexanderplatz zum Ort der berühmten Pressekonferenz, zu Mauer und Grenzübergang, aber auch zu weniger bekannten Orten wie dem des Runden Tisches. Wenn wir dieses kurze Jahr, das ja noch gar nicht so lange zurückliegt, an den Originalschauplätzen noch einmal wiedererstehen lassen, ist das zumal in der Rückschau faszinierend. Selten legt die Geschichte ein solches Tempo vor, und schüttelt solche Gelegenheiten aus dem Ärmel!

Das sagt Bernd Gutberlet über unsere Stadt & seine Führung:

Stadtführer in Berlin bin ich aus Leidenschaft und Profession: als Wahlberliner seit über 30 Jahren und ebenso als Historiker und Schriftsteller.

Schon wie es sich in seiner Gegenwart darstellt, ist Berlin ein faszinierendes Kaleidoskop an Vielfalt. Doch immer bunter, vielfältiger und schlüssiger wird die Stadt, wenn man an der Zeitachse dreht.

Die Geschichte eröffnet einen Zugang zur Stadt, der viel erklärt und dabei kein bisschen langweilt, denn Geschichte besteht aus Geschichten, die sich an Originalorten besonders fesselnd vermitteln lassen.

Russisch-Orthodoxe Christi-Auferstehungskathedrale

Hinterlassen Sie einen Kommentar