Charlottengrad in den 20er Jahren. Künstler und Literaten, Exilanten und Geheimdienstler

Die Zwanzigerjahre sind zweifellos eins der spannendsten Kapitel aus der Berliner Vergangenheit, und darin ganz besonders das Thema „Charlottengrad“. Wer heute mit offenen Ohren durch Charlottenburg läuft, dem fällt auf, wie viel Russisch dort gesprochen wird, doch der Begriff „Charlottengrad“ ist schon 100 Jahre alt. Damals, nach der Russischen Revolution und dem Ende des Ersten Weltkriegs strömten bis zu 400.000 russische Exilanten nach Berlin. Für wenige Jahre war Berlin wichtigster Zufluchtsort für Revolutionsgegner, Adelige, zaristische Offiziere, Juden, Intellektuelle, Künstler. Aber auch Unterstützer der jungen Sowjetunion kamen her, was natürlich zu Spannungen führte.

Ab 1921 schossen russische Cafés, Vereine, Galerien, Verlage, Theater, Restaurants und Delikatessenläden wie Pilze aus dem Asphalt, im Kadewe wurde mehr Russisch gesprochen als Deutsch und jeder Taxifahrer und jeder zweite Kellner schien Russe zu sein. Die namhaftesten Schriftsteller Russlands lebten vorübergehend in Berlin, darunter Vladimir Nabokov, Boris Pasternak, Ilja Ehrenburg, Marina Zwetajewa, Vladimir Majakowski, Elsa Triolet, Sergej Jessenin, Viktor Schklowski. Zeitweise erschienen mehr russische Bücher in Berlin als in Moskau und Sankt Petersburg. Clubs, Schulen und Lokale florierten, man richtete Ausstellungen aus. Künstler wie Naum Gabo oder Iwan Puni arbeiteten in Berlin und russische Filme und russisches Theater zog auch die deutschen Berliner in Scharen an.

Doch im Privaten war die Community weitgehend für sich, schon wegen der Sprachbarriere und der Erwartung, es werde ohnehin bald wieder zurück in die Heimat gehen. Also stürzte man sich in politische Streitereien und unglückliche Liebesaffären – und steter Begleiter waren das Heimweh und die Ungewissheit, ob und wann eine Rückkehr möglich sein würde.

Wie erlebten die Exilanten Berlin? Warum kamen sie her und warum blieb Berlin doch für die meisten eine Zwischenstation? Wie sahen sie die Stadt und ihre Bewohner? Warum blieben sie ganz überwiegend im Westen der Stadt, und wo wohnte man? Der Rundgang führt zu Orten russischen Lebens in den Zwanzigerjahren, es geht um Rivalitäten und unerfüllte Liebe, um Behauptungswillen, Schreibblockaden – und leider auch um Verfolgung. Nicht alle Orte sehen so aus wie damals, aber die Route durch Wilmersdorf und Charlottenburg macht das russische Leben der Zwanzigerjahre noch einmal lebendig, in Mietshäusern und Cafés, auf dem Kudamm und am Nollendorfplatz.

Das sagt Bernd Gutberlet über unsere Stadt & seine Führung:

Stadtführer in Berlin bin ich aus Leidenschaft und Profession: als Wahlberliner seit über 30 Jahren und ebenso als Historiker und Schriftsteller.

Schon wie es sich in seiner Gegenwart darstellt, ist Berlin ein faszinierendes Kaleidoskop an Vielfalt. Doch immer bunter, vielfältiger und schlüssiger wird die Stadt, wenn man an der Zeitachse dreht.

Die Geschichte eröffnet einen Zugang zur Stadt, der viel erklärt und dabei kein bisschen langweilt, denn Geschichte besteht aus Geschichten, die sich an Originalorten besonders fesselnd vermitteln lassen.

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