Wunderbar. Da sind Sie wieder. Auf gehts zum letzten Teil des Rundgangs Wir stehen nun im inneren Bereich der Siedlung.

Und blicken eindeutig „ins Jrüne“. Diese Freiflächen spielten für den Stadtbaurat Martin Wagner (immerhin der Auftraggeber für die Siedlungen der Berliner Moderne) eine sehr große Rolle. Bereits 1916 beschäftigte er sich in seiner Dissertation mit diesem Thema: Das sanitäre Grün der Städte: ein Beitrag zur Freiflächentheorie. Die Dissertation bezog sich auf die Diskussion über den hygienischen Wert von Grünanlagen. Wagner versuchte Kriterien zu erarbeiten, die ein Mindestmaß an Grünfläche im Verhältnis zur Bevölkerungsdichte festlegen sollte. Die Qualität der Grünflächen wurde dabei nicht von ihrem dekorativen Wert bestimmt sondern in ihrem Wert für Freizeitgestaltung und Erholung. Ähnlich dachte auch Leberecht Migge. Er entwickelte in seinen Schriften die Idee einer Gartenkultur des 20. Jahrhunderts. Beide arbeiteten bereits um 1912 in der Stadt Rüstringen zusammen. In Schöneberg (ab 1920 zu Berlin gehörig), wo Wagner damals als Stadtbaurat tätig war, planten sie den Bau der Lindenhof-Siedlung (1918-21). Diese Zusammenarbeit setzte sich fort in Siemensstadt und beim Bau der Hufeisensiedlung.

Aber blicken wir uns noch einmal um. Die Straßenseite der Forbát-Zeilen ist ja nicht besonders spektakulär, lediglich der Bau mit der Infostation ist lebhaft gegliedert durch die hervorspringenden Treppenhaustürme. Hier haben wir nun durchgehende Loggien, die unverstellt den Blick auf die Gartenanlage eröffnen. Der Wohnblock enthält pro Etage eine kleine Wohnung mit zwei Zimmern und geräumigere Wohnungen mit variablen Grundrisslösungen. Aber auch hier bleibt es dabei: die Wohnungen sind für heutige Ansprüche klein. Der letzte Block ist etwas abgeknickt und hat nur 3 Etagen.

Forbát war übrigens tatsächlich Bauhäusler. Anfang der 1920er Jahre arbeitet er im Atelier von Gropius, der ihm später einen Lehrauftrag am Bauhaus verschaffte. In Berlin hat er unter anderem das Mommsenstadion gebaut, eine Großgarage am Botanischen Garten und sich an Stadtplanungsprojekten für Kladow, Machnow und Zehlendorf beteiligt.

In der sich ausdehnenden Stadt Berlin blieb eines Mangelware: öffentliches Grün. Private Gärten waren sowieso ein Vorrecht der vermögenden Klasse. Parks gab es kaum, Grünflächen waren zumeist dekorative Schmuckplätze. Migge forderte daher: „Das Volk muss sich im Volkspark wirklich tummeln können, sonst hat er keinen Sinn.“ Er forderte die Planer auf, die Parks so zu gestalten, dass sie den Menschen Bewegungsmöglichkeiten bot. Aber vor allem forderte er, dass der Stadtpark den Menschen wieder einen Ausgleich zu ihren Leben in der Großstadt bieten muss. So muss es erlaubt sein, die Rasenflächen zu betreten und  Spiel und Sport zu betreiben, die Natur zu erleben oder sich einfach in dem Park zu entspannen, frische Luft und Sonne zu genießen. Das Verhältnis von Innenwohnraum zu Außenwohnraum wurde zu einem charakteristischen Unterscheidungsmerkmal verschiedener Architekturströmungen.

Migges Augenmerk galt eigentlich der Gartenstadtbewegung, sein Ideal war der Selbstversorgergarten. So verwundert es nicht, dass es bereits in der Hufeisensiedlung Mietergärten gab. Auch hier, beim letzten Architekten der Siedlung, sind Mietergärten zu finden. Wenden wir und also den Zeilen Paul Rudolf Hennings zu. Der wahrscheinlich unbekannteste unter den Architekten. Eigentlich war er ja auch Bildhauer. Die Zeilen folgen dem Vorbild Forbáts, das letzte Stück hat einen leichten Knick und ist um ein Geschoß niedriger als wir es hier sehen. Henning leitet damit sozusagen in den Volkspark Jungfernheide über. Ganz zu Anfang schrieb ich ja schon, dass in diesem Bauteil die größten Wohnungen zu finden seien, es sind die nach Süden ausgerichteten Kopf-Wohnungen mit 72 m² aber ohne Balkon. Gehen wir doch einmal zwischen 2 Zeilen. Hier sehen sie die von Migge geplanten Mietergärten für die Erdgeschoßwohnungen. Die Ausrichtung ist (wie bei allen anderen auch): Funktionsräume nach Osten, Wohnräume nach Westen.

Und wenn sie mal den Kopf in den Nacken legen, dann stellen Sie fest, dass auch Henning wie Scharoun und Gropius Dachterrassen gebaut hat. Hier sind sie sogar gut zu erkennen. Die Dachterrassen waren übrigens Vorgabe des Bauherrn, der Bezirkes. Damals gab es eine Volkskrankheit namens Tuberkulose, gegen die es kein Mittel gab. Einzig Regeneration an frischer Luft verhieß Linderung. (Lesen Sie doch mal wieder: Zauberberg von Thomas Mann.) Zur Vorbeugung ebenso wie zur Heilung empfahl man Licht-, Luft- und Sonnenbäder. Auch bei den großen Kaufhausbauten der damaligen Zeit wie dem KaDeWe oder dem Karstadt-Kaufhaus am Herrmannplatz, gab es solche Dachterrassen. Nicht für die Kunden, sondern für die Angestellten. Diese Dachterrassen waren also kein unglaublicher Luxus, wie vielfach gemutmaßt wird.

Die beiden letzten Zeilen (Zeile 5 und 6) baute Henning erst 1933/34. Die Pläne wurden unter den Nazis stark vereinfacht und korrigiert. Wie er das verhasste Flachdach durchsetzen konnte, ist bis heute ein Rätsel. Auch eine 7. Zeile gibt es noch, wir haben sie gegenüber den Forbát-Zeilen bereits sehen können. Sie wird allerdings nicht mehr zu den Welterbe-Bauten gerechnet.

Sie haben ja inzwischen einen geschulten Blick: Vergleichen Sie doch mal die Henning-Zeilen aus den verschiedenen Bauphasen.

Ich bin sicher, dass Sie die Unterschiede finden können.

Und wenn Sie noch Fragen haben, dann sind meine Kolleg*innen und ich bei der nächsten Führung gerne für sie da. Wir freuen uns auf Sie!

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