Primär: Endlich vor dem Original stehen, manchmal sogar hineingehen oder zumindest im städtischen Raum das Problem des Entwurfes verstehen, sofern auch ein Werk verloren ist.

zu Fuß: Man verbindet Atmosphäre und Kleinigkeiten direkt.

per Bus: Im topografischen Vorteil Entlegenes kombinieren zu können und dorthin gefahren zu werden, wo man sich nicht auskennt.

Unter meinen vielen Angeboten, moderne Gestaltungsansätze internationaler Architekten, Gestalter und Künstler in Berlin und Umgebung vorgestellt zu bekommen, ist die Werkspur bauhäuslerischer Arbeiten aus der Periode 1919 bis 1933 besonders ergiebig. Idealerweise verzahnt sie sich mit dem Schaffen anderer, zeitgleich arbeitender Künstler Berlins, die es aus dem gleichen Anspruch, die jeweilige Gegenwart mitzugestalten, zu entdecken gilt.

Die neukonzipierte Tour Entlang der U8 verweist auf solche herausragenden Beispiele moderner Architektur, die wie selbstverständlich ober- und unter-irdisch ins Stadtbild integriert auf den Wandel gesellschaftlicher Modelle hinweisen. Im Herzen des jetzt so populären und multilingualen Bezirks Mitte trifft man mit dem Koppenplatz, unserem Startpunkt, auf ein typisches Stadtquartier, dessen Bebauung die Entwicklung des späten 19., frühen 20. Jahrhunderts dokumentiert. Als bürgerlicher Schmuckplatz bewundert und teuer bezahlt überlagert diese Anlage den Ort eines Frauenarmenhauses und -friedhofs des 18. Jahrhunderts, damals aus hygienischen Gründen außerhalb der Stadtgrenze Berlins angesiedelt. Berlin dehnte sich aus, unter welchen Voraussetzungen konnte die individuelle, gehobene Wohnkultur weiterentwickelt werden und wo finden gemeinschaftliche Einrichtungen wie sie seit 1900 zunehmend gebraucht wurden Platz? Gab es in einem derart verdichteten, nun innenstädtischen Areal finanzierbaren Baugrund für die Daseins-vorsorge eines hochindustrialisierten Lebens der Einrichtungen für Verkehr, Kunst, Seelsorge, Kommerz, Verwaltung oder Hygiene vorhält? Und wer zeichnete für solche Projekte verantwortlich, die Kommune oder gewinn-orientierte Einzelbauherren? Mündete ein solcher Prozess in eine perfekte Umsetzung, die der Stadt des dritten Jahrtausends noch beste urbane Voraussetzungen garantieren könnte? Solchen Fragestellungen nachsinnend verlassen wir den Koppenplatz und betrachten im Verlauf der Torstraße weitere bauliche Besonderheiten in ihren Seitenstraßen. Nächster Höhepunkt wird der Rosenthaler Platz sein, er empfängt den unruhigen Städter mit einem der markantesten U-Bahnhöfe der Stadt, orange gefliest nahm der Avantgardeentwurf von 1930 die Sehgewohnheiten von 1970 voraus. Von hier bringt uns die Linie 8 komfortabel zum Alexanderplatz, der übernächsten Station innerhalb eines unterirdischen Farbkonzeptes (ein nicht-literarisches Wiedererkennen!). Erst mit Ende der zwanziger Jahre brachte ein berühmt gewordener Wettbewerb ernstzunehmende architektonische Ergebnisse an das Licht der Öffentlichkeit, um den unorganischen Hauptplatz der Bürger-stadt gesamtgestalterisch zu organisieren. Noch zweimal danach wird dieser urbane Ort ein Kulminationspunkt, um das Für und Wider neuen Städtebaus zu diskutieren, erst in der frühen Nachkriegszeit, dann in der frühen Nachwendezeit. Der Platz ist immer noch nicht fertig. Und so geht es weiter entlang der äußerst praktischen Verkehrsachse, das nördliche Wittenau mit dem südlichen Neukölln schnell verbindend. Von ähnlich interessanten Motiven wird in südlicher

Ausdehnung entlang unserer Strecke zu reden sein, die am Kottbusser Tor ihren Abschluss hat. Auch dieser fast weltberühmte, doch sehr kiezzugewandte Platz nimmt durchdachte und ambitionierte Architektur- und Lebensvorstellungen in sich auf. Der erhebliche soziale Wandel seit der zukunftseuphorischen Stadtreparatur der sechziger Jahre ist inzwischen legendär, der architektonische Bestand bleibt sehenswert.

Das sagt Bettina Güldner über unsere Stadt & seine Führung:

„Was Berlin für mich bedeutet

weitläufig – grün – anonym – tolerant = ideal für Entdeckungen“

Ein Stadtgebilde, dessen sichtbare städtebauliche Kraft seine Verschmelzung aus barocker Residenz und industrialisierter Großstadtwerdung ist. Die darin liegende künstlerische Qualität aufzufinden, bietet sich als reizvolle Forschungsaufgabe an. Berlin liefert so reichlich Werke in Architektur, Gärten, Personalgeschichten, Kunstwerken, gesellschaftlichen Modellen, die in der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts als beispielhaft, aber auch normal zu bezeichnen sind, dass man sich abseits der Hochglanzklischees aufhalten sollte. Berlins Eigenart erschließt sich erst mit Blick auf seine multiplen Facetten, also weniger an den zentrierten Adressen der Hochglanzklischees als im modernen Lebensalltag aller Bezirke. Was Gesamtbild Berlin reizt, ist der Widerspruch aus Experiment und Geltungsanspruch, ausgelöst durch die Reibungen zwischen den Forderungen von Künstlern und Gestaltern nach tragfähigen Gesamtkonzepten für eine moderne Großstadt und der Dominanz teils kommunal bürokratischer, teils politisch repräsentativ begründeter Bedürfnisse.

Warum Führungen                                                                       

Es ist die beste Methode, um staubiges Archivwissen an die eigene Gegen-wart heranzuholen. Die Stadt selbst mit ihren kulturellen Artefakten ist das Original, die Quelle, eben eine ästhetische Herausforderung, die unter größtem visuellem Vergnügen detailliert betrachtet werden kann. Beim Durchstreifen einer Landschaft trage ich alle Gestaltungsfragen und Situationen wie Objekte einer Ausstellung zusammen. Ich suche aus, ich stelle vor, zeige und bringe das Bemerkenswerte in einen ästhetisch-kritischen Zusammenhang, der den Teilnehmern zur eigenen Entdeckung weiterempfohlen wird. Führungen bringen Immobiles zum Betrachter, bieten am originalen Ort die Erfahrung und sind ein Instrument zur Selbstvergewisserung zwischen eigener Realität und Historie. Eine wunderbar dynamische und kommunikative Ergänzung zu allen publizistischen und musealen Angeboten.

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